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2000 – November – Helmut Debus in der Kulturdiele

Einer der besten Liedermacher der deutschen Folkszene sang sich in die Herzen seines Publikums

Helmut Debus präsentierte in Hemmoor als nachdenklicher Zeitgenosse seine neue CD "Twuschen Ankamen un Afscheed"


Helmut Debus ist ein gern gesehener und gehörter Künstler beim Culturkreis Hemmoor und im Land Hadeln. Wie schon in den Vorjahren war ihm sein treues Publikum sicher. Die Kulturdiele war gut, aber nicht vollständig gefüllt. Debus hatte die Songs seiner neuen, gerade erschienenen 5. CD "Twuschen Ankamen un Afscheed" im Gepäck. Es war auch das Lied, mit dem er sein Konzert begann und das auch am Anfang der CD steht. Stellvertretend spiegelt es das Innenleben des Braker Songpoeten wider. Seine Themen sind immer noch die niederdeutsche Landschaft, das Wasser, das Licht, die grüne, flache Einöde, das Leben, die Lebenslust und die Vergänglichkeit. Die Liebe machte er dann in "Grönen bi Nacht" ebenso zum Thema wie mit dem älteren "Alln’s för di", ein sehr romantische Liebeserklärung (för Di würr’k up’n Diek Koppeister slahn, morgens Klock veer noch Glimmstengel haaln …).

Die überwiegende Mehrzahl der Lieder stammten an diesem Abend von seiner neuesten Veröffentlichung, bei der seinen Weg zu kompromissloser Konzentration auf Melodie und poetischer Aussage konsequent weitergeht. Debus wirkte dabei wesentlich zurückgenommener, bedächtiger, melancholischer, ein Mann der leisen und intensiven Töne. Nur selten blitzt die alte Hemdsärmeligkeit auf, der Zusammenschluss mit dem Publikum ("Nochmoolgesang"), auf den seine treuen Fans immer wieder warten. Seine Texte sind noch poetischer geworden, will heißen, sind oft nur beim Nachlesen der Texte – und manchmal auch dann nicht – eindeutig zu verstehen. Aber – so hat es ein Kritiker formuliert – das wäre auch nicht unbedingt nötig, die Lieder werden trotzdem mit dem Herzen verstanden. Debus hat seine Fähigkeit, Aussagen, Begebenheiten und Gefühlszustände in Bildern und Menschen unserer norddeutschen Landschaft zu malen, weiter vorangetrieben. Eine zentrale Aussage zu seinem Leben an der Weser findet man in "Hier liggt mien Hart": Heh, heh, heh, wenn dat ganz still warrt, Licht vun’n Stroom, hier liggt min Hart. Manchmal blitzt aber auch Wut über die Monotonie von Land und Leuten auf ("öwerall dit gräsige Gras, ewig diesig dösig plattgröne Langwiel … Köhlschrank-Minschen mit Wintergesicht" – Dognight). Dennoch bei aller Fragwürdigkeit, bei aller Endlichkeit des Lebens "tööft wi jede Nacht up de Sunn". Und dann bricht auch wieder dieser fast verzweifelte Schrei nach Leben durch: "Drink noch een‘ mit mien Fründ, ehrder wi verrotten". Wie in der Vergangenheit greift Debus auch das Thema Alter wieder auf. "Se sitt un tööft", ein Nachdichtung eines Allan Taylor Songs, beschreibt eine traurige Perspektive. "Een anner Dag een anner Johr sitt se still dor". Es bleibt nur die Erinnerung an das Leben, an Tanz und Liebe in der Jugend.

Döntjes und Geschichten waren dieses Mal Mangelware. Der Braker beschränkte sich auf die Schilderung einer kürzlichen Begegnung mit seinem alten 90jährigen Deutschlehrer, der ihn vor Jahren noch verständnislos gefragt hatte, warum er denn nun unbedingt in dieser "Kuhstallsprache" singen müsste. Nun haben beide ein neues Einverständnis gefunden. In den aktuellen Zwischentexten wird deutlich, dass Debus die gegenwärtige Kultur, insbesondere deren Extreme in den Medien ("Big Brother") sehr skeptisch, wenn nicht gar pessimistisch sieht. Die Auseinandersetzung um Werte ist einer allgegenwärtigen Bedürfnisbefriedigung gewichen. Zu Zeiten permanenter Selbstdarstellung ist es gesellschaftsfähig geworden, pausenlos "Mist" zu reden, manchmal allerdings auf höchstem Niveau. Die Jungen quatschen alles voll, wer ist besser, Merkel oder Schröder, Backstreet-Boys oder Guildo Horn? Ohne Zukunft will sie nur noch Spaß. Die Gesellschaft vergisst die Vergangenheit und lebt nur noch in der Gegenwart. Die Aktie ist zum goldenen Kalb geworden.

Dagegen hilft nur der Erhalt der ganz eigenen Individualität, die Reflektion und Distanzierung vom Zeitgeist und der Mut, sich zu verändern. Nur wenn der Einzelne sich ändert, kann noch die Welt zum Besseren verändert werden,. Debus zieht seine Schlüsse daraus, meidet thematische Leerformeln und Verliebtheit in das eigene Wort, versucht noch präziser in seinem Ausdruck zu werden und sich auf die wesentlichen Dinge zu konzentrieren. Wie sein alter Deutschlehrer weiss er, wie schnell das Leben vergeht und die Zeit unabänderlich voranschreitet. Und er ist immer noch neugierig, möchte das Leben in all seinen Facetten noch tiefer ergründen.

Neben aktuellen Titeln waren auch noch ein paar Perlen von den letzten CD’s "Afsiet vun Tiet"(1994) und "Möven seilt up Wind"(1997) zu hören. Insbesondere bei den Zugaben brachte Helmut Debus einige Titel der zu seinem 50. Geburtstag 1999 erschienenen CD mit den älteren LP-Titeln "Vullmand" und "Morgenfloot", die zeigten, dass Debus sich treu geblieben ist. Auf die vorletzte CD schrieb er "Die Reise geht weiter". Die musikalische Reise des plattdeutschen "Leederkeerls" geht bestimmt auch weiter. Wir sind gespannt, was er uns beim nächsten Mal davon mitbringt.

Hans-Jürgen Goeman

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